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Weinstand „Chalet“: Magistrat verspricht Transparenz – alles soll auf den Prüfstand

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Und er bewegt sich doch! Der Magistrat der Stadt Hofheim will endlich Licht in die undurchsichtigen Geschäfte am Weinstand „Chalet“ bringen. Im Rathaus scheint sich die Einsicht durchgesetzt zu haben, dass es schwer irritierend wirkt, wenn Privatleute und Gewerbetreibende auf städtischem Grund und Boden zu Lasten der Stadtkasse im großen Stil Geschäfte machen – ohne angemessene Gegenleistung. Jetzt ist Aufräumen angesagt – angeblich.

Der Bau- und Planungsausschuss hat am Dienstagabend erneut und mit viel Emotionen über das „Chalet“ diskutiert. Das Ergebnis vorweg: Jetzt soll angeblich aufgeräumt werden! Die Stadt will Verträge prüfen, Genehmigungen hinterfragen, Kosten checken und auf jeden Fall auch mehr Informationen vom Vereinsring einfordern.

Wulf Baltruschat, CDU-Stadtrat und Betreiber des „Chalet“, meldete sich derweil per Whatsapp aus Italien. Der Polizist macht offenbar gerade Urlaub im mondänen Badeort Riva und hat dort eine Holzhütte entdeckt, die dem „Chalet“ ähnelt. Er schickte ein Foto davon und unkte: „Zweites Standbein für den Vereinsring“. Dazu musste er, das konnte er sich wohl nicht verkneifen, wieder ein bisschen hetzen: „Keine Verhinderer aus dem Grünen Lager“.

So kennt man ihn…

Die Grünen blieben diesmal stumm; für die überraschende Nachricht sorgte in der Ausschusssitzung der SPD-Beigeordnete Bernhard Köppler: Man werde den Vertrag mit dem Vereinsring prüfen, sich die Nutzungsgenehmigung genau unter die Lupe nehmen und auch die Kosten der Stadt für Strom- und Wasserverbrauch klären….

Es klang wie: Alles kommt auf den Prüfstand. „Ich bin für größtmögliche Transparenz“, versicherte Köppler mehrfach. Die Stadt wolle auch wissen, wie viele Vereine den Weinstand noch nutzen – und wie viele Gewerbetreibende profitieren.

Das wird Wulf Baltruschat nicht gerne hören. Als Vorsitzender des Vereinsrings organisiert er das „Chalet“, flankiert wird er dabei vom Leiter der städtischen Musikschule: Sven Müller-Laupert hat als Baltruschats Stellvertreter dafür gesorgt, dass der Vereinsring die offizielle Software der Musikschule für die „Chalet“-Buchungen nutzen konnte (dazu später mehr). 

Baltruschat, der Vorsitzende, und Müller-Laupert, der auch als Kassenwart im Vereinsring fungiert (Kassenprüfer werden auf der Vereinswebseite nicht genannt), verwalten die „Chalet“-Gelder, als handele es um ihr privates Unternehmen. Einblick in die Geschäfte? Gibt es nicht! Fragen dazu, gar kritische? Werden nicht beantwortet.

Und das soll sich jetzt wirklich ändern?

Weinstand „Chalet“: „eine undurchsichtige Grauzone“

Beobachter der Lokalpolitik verfolgten Köpplers Aufräum-Ankündigung mit Schmunzeln: Denn der Mann gilt als Intimfeind von Baltruschat. Das kann noch interessant werden!

Baltruschat wollte einst Bürgermeister von Hofheim werden, doch die Stadt-SPD wollte ihn nicht: Sie gab Köppler den Vorzug. Der verlor zwar die Wahl, wurde aber immerhin Beigeordneter im Rathaus. Baltruschat, schwer beleidigt über die parteiinterne Abfuhr, wechselte umgehend und unter Absingen schmutziger Lieder zur CDU, die ihn dafür mit einem Platz im Magistrat belohnte. Dort fällt der Mann seither vor allem dadurch auf, dass er seinen Pflichten nicht nachkommt (hier). Und dass er dafür sorgt, dass ihm bei seinen Geschäften im und mit dem „Chalet“ niemand in die Quere kommt.

Köppler („Ich habe mich vorbereitet“) erinnerte im Ausschuss an die Anfänge: Der Weinstand wurde 2019 aufgestellt (Zwischenruf von CDU-Bürgermeister Vogt: „Das war vor meiner Zeit“). Die Holzhütter war laut Köppler nur befristet geplant, dann gab es per Vereinbarung eine Verlängerung für den Weihnachtsmarkt, und danach blieb sie einfach stehen...

Ein Kühlanhänger, der vom Weinstand genutzt wird und einen Dauerparkplatz auf dem Untertorplatz einnimmt, soll laut Köppler als erstes verschwinden: Mit seinem Lärm sei er für ein ständiges Ärgernis, „deshalb muss hierfür ein anderer Standort gesucht werden“.

Man könnte natürlich fragen, warum die Lärmbelästigung so lange geduldet wurde oder warum die Stadtverwaltung nicht längst eingegriffen hat… Aber schauen wir jetzt lieber nach vorn:

Auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung hatte die Stadtverwaltung einen alternativen Standort für die Holzhütte gesucht. Das Ergebnis (wir berichteten hier) las sich wie von Baltruschat diktiert: Angeblich gibt es in der ganzen Stadt keinen besseren Platz für Weintrinker als vor dem Restaurant im historischen Türmchen.

Chalet Standortsuche
Zum Vergrößern anklicken: In diesem PDF hat die Stadtverwaltung sechs weitere Plätze mit dem „Chalet“-Standort auf dem Untertorplatz verglichen.

Neben dieser Standortsuche hatte es einen Fragenkatalog gegeben, den Grüne, Bürger für Hofheim und Linke eingereicht hatten. Der Magistrat hatte sich angeblich auch bemüht, Antworten zu geben,  musste aber mehrfach passen („keine Erkenntnisse“). Ein deutlicher Hinweis: Der Vereinsring, der von der Stadt profitiert, verweigert der Stadtführung wesentliche Informationen. 

Das wollte Tanja Lindenthal von den Bürgern für Hofheim nicht einfach akzeptieren: „Wir als Stadtverordnete müssen doch erfahren können, was in einem Vertrag mit der Stadt steht“, sagte sie jetzt im Ausschuss. Warum muss der Vertrag geheim bleiben? Und profitieren wirklich nur Vereine – oder auch Gewerbetreibende? Lindenthal: „Ohne umfassende Informationen macht es wenig Sinn, über einen Standort zu diskutieren.“

Auch Barbara Grassel von den Linken forderte umfassende Aufklärung: Der Weinstand sei „eine undurchsichtige Grauzone”, niemand wisse, wie hoch die Kosten für die Stadt seien. Dass dort Gewerbetreibende subventioniert würden, nannte sie „bedenklich“. Und die Erklärung der Stadt, sie wisse nicht, wer dort ausschenke, bezeichnete sie als „nicht nachvollziehbar“: Die Standbetreiber müssten schließlich eine Genehmigung einholen – beim Ordnungsamt der Stadt. 

„Es kann doch nicht sein, dass alles geheim ist“, sagte Grassel. Und: „Wir sind es den Menschen schuldig, zu sagen, wofür wir städtisches Geld ausgeben.“

Bei Fragen: FDP-Mann empfiehlt Strafanzeige

Natürlich gab es auch Stadtverordnete, die sich für das „Chalet“ aussprachen, das wollen wir hier keinesfalls verschweigen. Allen gemeinsam ist ihnen, dass sie sich Ahnungslosigkeit geprägt gaben und/oder bewusst die Wahrheit verdrehten.

Armin Thaler (CDU, Jahrgang 1958) meinte, es sei wichtig, dass es das „Chalet“ gebe – „wo die Leute hingehen und in Ruhe ein Glas Wein trinken können –  das auch noch zu annehmbaren Preisen“.

Über solche Worte werden sich die Gastronomen in der Nachbarschaft des „Chalets“ bestimmt freuen: Kann man bei ihnen etwa nicht in Ruhe ein Glas Wein genießen? Sie könnten zudem darauf verweisen, dass der Wein im „Chalet“ nicht besonders günstig angeboten wird (5 bis 7 Euro/0,2 l), sie aber mit ganz anderen unternehmerischen Belastungen fertig werden müssen.

Ralf Weber (FDP, Jahrgang 1950) tat so, als könne er nicht verstehen, dass der Weinstand hinterfragt wird. „Diese ganzen Fragen – die muss man nicht stellen“, befand er. Eine weitere „Auswälzung des Fragenkatalogs“ empfinde er als „unangenehm und unangemessen“. Wer darin rumbohren wolle, „dem empfehle ich eine Anzeige bei der Polizei“.

Andreas Hegeler (CDU, Jahrgang 1966) wurde grundsätzlich: Alle jammerten, dass es Vereine heute so schwer hätten. Im „Chalet“ könnten sich die Mitglieder treffen und Einnahmen generieren. Er verstehe nicht, „dass man das wieder so kaputt redet“. Und laut rief Hegeler aus: „Wenn ihr das ,Chalet‘ nicht wollt, dann sagt das doch.“

Das war wieder einmal Hegelersche Polemik in Reinkultur: Niemand hat gesagt, dass er das „Chalet“ nicht wolle. Auch haben selbst die schärfsten Chalet-Kritiker*innen wiederholt betont, dass man den Vereinen keineswegs die Möglichkeit nehmen wolle, neue Einnahmen zu generieren. Der Standort ist’s, der in Frage gestellt wird. Und Transparenz im Umgang mit städtischen Geldern, die will man auch. Und Klarheit darüber, wie oft Vereine den Weinstand nutzen – und wie oft Privatleute bzw. Gewerbetreibende das „Chalet“ buchen.

Weinstand
Der Weinstand von der anderen Seite aus gesehen: Schöner wird’s nicht – und das beliebte Türmchen ist nicht mehr zu sehen.

Apropos Weinstand buchen: Die Reservierungen wurden, wie gesagt, jahrelang über eine Software der Musikschule abgewickelt. Am Anfang wurde das wirklich transparent gehandhabt: Im Internet war offen und für jeden einsehbar, wann welcher Verein das „Chalet“ gebucht hatte und wann welche Wochenenden noch frei waren. Dann drängten Gewerbetreibende in das lukrative „Chalet“-Geschäft – und das Buchungstool wurde auf nicht mehr einsehbar umgestellt. Niemand sollte sehen, wer wirklich vom Weinstand profitiert.

Für CDU-Bürgermeister Christian Vogt war im Ausschuss noch diese Information wichtig: Die Möglichkeit, unter dem Label der Musikschule und mit deren Software Buchungen für das „Chalet““ durchzuführen (hier), sei gestoppt worden. Der Vereinsring habe sich eine eigene Software angeschafft und in seine Webseite integriert.

Geht doch!

Und wie geht’s jetzt weiter?

Die Mitglieder des Bau- und Planungsausschusses fanden nach längerer Diskussion diese Lösung: Demnächst soll sich ein weiteres Gremium – der Ortsbeirat Kernstadt – mit der Zukunft des „Chalets“ befassen. Er soll Vorschläge machen: Soll der Standort vor dem Restaurant Türmchen bleiben – oder soll ein neuer Platz her, und wenn ja: wo könnte der sein?

In der Zwischenzeit will Köppler die vertraglichen Regelungen überprüfen und Transparenz schaffen. Einfach wird das nicht: Köppler wird sich erneut gegen Baltruschat durchsetzen müssen.

Für die Hofheimer Stadtgesellschaft Hofheim wäre es nur gut, wenn dies gelänge: Schluss mit der ganzen Geheimniskrämerei und mit den undurchsichtigen Geschäften auf Kosten der Stadtkasse!

Alles muss auf den Prüfstand – wie versprochen!

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4 Comments

  1. Tilo Walter

    Aus meiner Sicht machen es sich Viele in und um das Stadtparlament zum Hobby, über das Chalet zu diskutieren. Fakt ist, dass es von den Hofheimer Bürgern sehr gut angenommen wird. Und Fakt ist auch, dass unterschiedlichste Vereine das Chalet nutzen, um dringend erforderliche Einnahmen zu generieren und das Clubleben anzukurbeln. So ist also anzunehmen, dass der Großteil der Hofheimer Bürger das Chalet genau an dieser Stelle sehr positiv wahrnimmt.

    Natürlich müssen gewisse formelle Voraussetzung gegeben sein. Aber das chronische Misstrauen, das denjenigen entgegengebracht wird, die sich für unser Stadtleben einsetzen, halte ich für mehr als übertrieben.

    Und auch einem Hofheim-/Kriftel Newsletter, den viele Bürger lesen, würde es sehr gut zu Gesicht stehen, ab und an auch positiv über Sachverhalte zu berichten. Denn kritisieren ist sehr einfach und manchmal auch zielführend. Im Übermaß führt es aber zu (Politik-) verdrossenheit und dem Rückzug von denjenigen, auf denen unsere freiheitliche Gesellschaft beruht.

    3. Juli 2024
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    • J. Pracht

      Ich weiß nicht, ob es ein „Hobby“ ist, dass sich das Stadtparlament mit solchen Fragen beschäftigt. Da gab es schon unwichtigere Themen. Es sind Fragen rund um den Betrieb des Weinstandes aufgetaucht, die beantwortet werden müssen.

      Es geht um Leute wie Baltruschat, die meinen, sich alles rausnehmen zu können und die Stadt Hofheim wie einen Selbstbedienungsladen nutzen. Mann hat ja Beziehungen…
      Kritiker (Lindenthal) werden mundtot gemacht und angezeigt!

      Ich sehe kein „chronisches Misstrauen“ gegen Macher in Hofheim. In diesem Fall ist Misstrauen erforderlich, da viele Genehmigungen und Formalien hier ganz unbürokratisch abgewickelt wurden, wo andere Bürger oder Gastronomen über Jahre scheitern.

      Ich möchte gerne wissen, wie viele Vereine 2023 im Chalet ausgeschenkt haben.

      Der Lacher des Tages ist Ihr letzter Satz. Der HK-Newsletter ist Schuld an der Politikverdrossenheit, wow. Nicht etwa die Kommunalpolitik und andere Akteure?
      Der Überbringer der schlechten Nachricht wurde in der Antike umgebracht.

      3. Juli 2024
      |Reply
  2. Peter Neumeyer

    Ein skurriles Theater ist das inzwischen um das sog. Chalet. Anfangs empfand ich die Bezeichnung dieser Holzhütte noch als liebevoll witzig. Die Absicht des Vereinsrings, den Hofheimer Vereinen ein Forum für ihre Darstellung und einen Zugewinn für die Vereinskasse zu bieten, fand ich ziemlich „genial“. Ein Gewinn für das Stadtleben an Wochenenden und für den Platz am Untertor inbegriffen. Die Aufenthaltsqualität des Platzes hat dadurch gewonnen. Ob es die benachbarte Gastronomie auch so empfindet, kann man sich zumindest insgeheim fragen.
    Mittlerweile ist die Hütte in die Jahre gekommen und hätte wohl ein schöneres Äußeres Ansehen verdient. Beispiele für wirklich schöne Weinstände gibt es in unserer Rheingau Nachbarschaft bestimmt zu finden. Dass die Hütte zudem in der Sichtachse auf eine beliebte Hofheimer Sehenswürdigkeit steht und dort stört, dürfte inzwischen auch zu Kritik führen.
    Wenn es zudem Kritik an den das Chalet führenden Personen gibt, wird’s langsam unangenehm. Nach dem Motto „irgendwas ist immer an der Kritik dran“ wird man nicht umhin können, die schillernden Protagonisten vermehrt unter die Lupe zu nehmen. Ganz unparteilich gesehen, sollte der Vereinsring klaren Tisch machen und sich einer sachlichen Diskussion um dieses „Chalet“ und seiner Unterhaltung stellen. Vielleicht springt dabei sogar eine einvernehmliche Klärung der Standortfrage heraus, die bisher keiner so Recht angehen wollte.

    4. Juli 2024
    |Reply
  3. Ohne Worte

    Günstig ist das Vereinsweinlokal nicht, da kann ich nur den Weinprobierstand am Flörsheimer Main oder in Wicker empfehlen. Da steht jedesmal ersichtlich welcher Winzer dran ist und in Flörsheim ist das Glas wein deutlich günstiger.
    Auch nicht so ein Geheimnis wer da ausschenkt.

    4. Juli 2024
    |Reply

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