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Steffen Kage: Querschnittsgelähmt – und trotzdem Unternehmer

Seit einem Motorradunfall vor knapp 15 Jahren ist der Wallauer Steffen Kage querschnittsgelähmt, an einen Rollstuhl gefesselt und rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Trotzdem schaffte er es, ein kleines Unternehmen aufzubauen und zu führen. Hausbesuch bei einem Mann, dessen Lebenskraft beeindruckt.

Es ist faszinierend zu beobachten: Der Mann sitzt bewegungslos vor seinem Schreibtisch, seine Arme hängen kraftlos herunter. Da plötzlich fängt der Cursor auf dem Bildschirm an zu zucken. Fotodateien bewegen sich hin und her, Dokumente öffnen und schließen sich… Es sieht aus, als sei eine unsichtbare Geisterhand am Werk.

Doch es ist der bewegungslose Mann, der den Computer steuert – allein mit der Kraft seiner Gedanken und den Blicken seiner Augen. Steffen Kage führt auf diese Weise ein Druckservice-Unternehmen, er könnte gar nicht anders: Er ist er seit Jahren querschnittsgelähmt.

Wir besuchen ihn in seinem Büro an der Langenhainer Strasse im Hofheimer Ortsteil Wallau. Lässiger Kapuzenpullover, Vollbart, das Haar stoppelkurz, die Brille schwarz gerandet. Seine Blicke sind ernst, nahezu verschlossen. Später wird er sagen, dass es ihm oftmals nicht leicht falle, freundlich zu gucken: Ständig diese verdammten Schmerzen! Stärkste Medikamente würden nicht helfen. Aber er wolle nicht klagen…

Steffen Kage, heute 61, hat trotz Querschnittslähmung ins Leben zurückgefunden und sich sogar selbständig gemacht – mit beeindruckendem Willen, aber sicherlich auch, das räumt er unumwunden ein, gestützt und getragen von der Liebe und Kraft seiner Ehefrau, der die Worte „in guten wie in schlechten Zeiten“ keine leere Formel sind, sondern ein unverbrüchliches Versprechen fürs Leben. Es gab gute Zeiten für das Ehepaar, völlig klar. Aber auch viele schlechte, und die waren von einer Intensität, wie sie ein Mensch eigentlich kaum ertragen kann. „Das hat uns aneinander geschweißt“, sagt sie und blickt ihn an. Er nickt.

Steffen Kage
Steffen Kage im Rollstuhl. Seine Frau Sonja steht ihm stets bei.

Eine Sekunde der Unachtsamkeit

Rückblende: 4. September 2005 – es war ein schöner Tag. Die Wetterchronik berichtet von strahlendem Sonnenschein, das Thermometer zeigte 28 Grad. Steffen Kage fuhr mit Freunden auf dem Motorrad durch den Rheinland-Pfälzischen Taunus, sie hatten gerade die Ortschaft Lautern durchfahren und wollten weiter nach Nassau, Kaffee trinken, dann wieder zurück nach Wallau. Jetzt steuerten sie auf Oberwallmenach zu, keine 200 Einwohner, eine alte Barockkirche, eine Handvoll denkmalgeschützter Häuser. Sie fuhren hintereinander, ganz gemächlich, 50, vielleicht 60 km/h schnell, noch eine leichte Linkskurve vor der Ortseinfahrt – da passierte es:

Die schwarze Yamaha XJR 1300 von Steffen Kage – Kenner schwärmen: ein wunderschönes Motorrad, eine echte Kultmaschine, ein fetter Vierzylinder mit satten hundert PS – kam von der Straße ab. Sie rutschte in einen Entwässerungsgraben und knallte gegen ein Betonrohr unter einer Feldzufahrt. Kage wurde auf den angrenzenden Acker geschleudert.

Seit dieser Sekunde ist in seinem Leben nichts mehr, wie es mal war: Beim Aufprall brachen die rechte Schulter, das Schlüsselbein und mehrere Rippen, eine Rippe bohrte sich in die Lunge. Der Helm riss den Kopf nach hinten, der fünfte Halswirbel wurde zertrümmert, ein Wirbelteil bohrte sich wie ein Dorn in das Rückenmark und zerstörte empfindliche Nervenstränge.

Aus, vorbei! Er habe keine Erinnerung mehr an den Unfall, sagt Steffen Kage. „Meine Freunde erzählten später, ich hätte noch gesagt, dass ich kein Gefühl in den Beinen hätte.“

Wenn er davon erzählt, wirkt er teilnahmslos, nahezu entrückt. Er hat die Sekunde, die aus einem vitalen Mann einen bewegungsunfähigen Schwerbehinderten machte, längst als unabänderlichen Fakt abgespeichert. Keine Emotion. Keine Gefühlsregung erkennbar.

Steffen Kage kann seit dem Unfall nicht mehr ohne fremde Hilfe leben, und das wird sich in seinem Leben auch nicht mehr ändern. Wie ist das, wenn man auf diese Weise gestoppt wird, unabänderlich, für alle Zeiten? „Man lernt, das, was geschehen ist, zu akzeptieren. Sonst würde man es nicht aushalten“, sagt er. 

Der Ehefrau in alle Ewigkeit dankbar

Wir sitzen in seinem Büro, in der früheren Garage des Familienhauses. Seine Frau Sonja, die Tierarzthelferin gelernt hat und später eine Ausbildung zur Facharzthelferin absolvierte, ist immer an seiner Seite. „Ohne sie wäre ich nicht mehr“, sagt er leise in einem Augenblick, da sie eine Tasse Kaffee zubereitet. „Ich bin ihr in alle Ewigkeit dankbar, dass sie das alles mit mir durchgestanden hat.“

„Das alles“ – das war ja nicht nur die tränenreiche Zeit nach dem Unfall. Das war auch der erzwungene Abschied von so vielen Träumen: Das Ehepaar hatte sich vor 30 Jahren beim Hessentag in Hofheim kennengelernt. 1992 die Heirat, 1996 machte er seinen Meister als Drucker, im gleichen Jahr wurde der Sohn geboren.

2002 übernahm er die damals weithin bekannte Druckerei seines Schwagers Erwin Born mitten in Wallau. 16 Mitarbeiter, ein Maschinenpark. Ein dickes Minus auf dem Konto, aber vor allem die feste Überzeugung, das Unternehmen erfolgreich in die Zukunft führen zu können.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Steffen Kage seine Leidenschaft für heiße Öfen längst gezügelt. „Schon als Jugendlicher war ich motorradverrückt“, erzählt er. „Ich bin mit Freunden bis zu 30.000 Kilometer im Jahr gefahren, jede freie Minuten waren wir unterwegs, und wir fuhren bestimmt nicht langsam.“ Einen in der Clique hat’s erwischt: Er wurde von einem betrunkenen Radfahrer gerammt, stürzte und war sofort tot. Die anderen haben getrauert. Und sind weitergefahren. Auch Steffen Kage.

Erst mit der Heirat sei das vorbei gewesen, sagt er. Als selbständiger Unternehmer und Vater von zwei Kindern – die Tochter wurde 2002 geboren – wurden die Ausflüge zum raren Vergnügen: Allenfalls Wochenendtrips gab’s noch. Sonntägliches Cruisen mit Kaffeetrinken.

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Vom Büro in die Wohnung führt eine Treppe, die Steffen Kage nur mit einem Speziallift bewältigen kann.

Ein langes Jahr in Kliniken und Reha

Bis der Unfall passierte. Nach Tagen im künstlichen Koma lag er mehr als ein Jahr lang in Kliniken. Seine Frau ließ derweil das Haus umbauen: Ein Lifter neben der Außentreppe, sonst wären die Wohnräume im ersten Stock für ihn nicht erreichbar. Ein behindertengerechtes Bad. Ein Zimmer für ihn mit Spezialbett und Rufanlage.

Daneben versuchte die Familie, die Druckerei zu retten. Aber es fehlte der Chef, und dann kam die übermächtige Konkurrenz im Internet dazu: Der Traum von einem eigenen Unternehmen platzte. Übrig blieb ein Berg von Schulden.

Er hat’s aber dann doch noch einmal versucht, eine Nummer kleiner natürlich: Steffen Kage entdeckte im Internet eine kostenlose Software, mit der man einen Computer mit den Augen steuern kann. Er perfektionierte die Sprachsteuerung, lange bevor „Alexa“ und „Siri“ auftauchten. So kann er heute das Telefon bedienen, Mails schreiben und verschicken, Plakate und Broschüren gestalten – der Computer reagiert auf jedes Zucken seiner Augen, gehorcht seinen Sprachbefehlen aufs Wort. Die Hände tun nichts. Sie können es nicht mehr. 

„Druck + Service Kage“ heißt die kleine Firma. Und sie funktioniert, bis heute! Die Kunden („etliche kenne ich seit vielen Jahren“) kommen aus der Region, er erstellt für sie belichtbare Dokumente, gestaltet Visitenkarten, Plakate und Broschüren, er organisiert die Umsetzung von Druckaufträgen. Nur wenn’s darum geht, die fertigen Produkte an die Kunden zu verschicken, ist er am Ende seiner Möglichkeiten. Aber dann ist ja Sonja zur Stelle, seine unermüdliche Frau.

Vielleicht fährt er demnächst allein mit dem Auto…

Trotz des Schicksalsschlages: Es gibt sie auch für Steffen Kage, die kleinen Glücksmomente, die das Leben immer wieder lebenswert machen. Da ist es die Gewissheit, das die Familie zusammensteht. Da sind die alten Freunde, die regelmäßig vorbeischauen, ihn auch mal abholen und mit ins Gasthaus mitnehmen. „Die Selbstverständlichkeit, mit der sie mir beim Essen und Trinken helfen, finde ich immer wieder beeindruckend“, sagt Kage. 

Und dann ist da auch der Fortschritt der Technik. Vielleicht, sagt er und schaut plötzlich ganz verschmitzt, vielleicht werde er ja schon nächstes Jahr selbständig Auto fahren können. Wirklich wahr? Wie soll das denn gehen? Das Integrationsamt, sagt er, habe zugesagt, ihm beim Umbau und der technischen Ausstattung eines Autos zu helfen. Gutachten würden die Verkehrssicherheit und Fahrtüchtigkeit bescheinigen – dann kann’s losgehen:

„Ich werde vielleicht schon im nächsten Jahr mit dem Auto fahren können – ganz allein!“, sagt Steffen Kage. Und jetzt lacht er, endlich! Die Aussicht auf ein wenig mehr Freiheit hat den Schmerz besiegt – wenigstens für diesen Augenblick: „Ich freue mich riesig, ich kann’s kaum erwarten.“

Dieser Bericht erschien in der FNP (Ausgabe Kreisblatt) am 1. Juni 2019