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Erster Stadtrat: Ist die CDU-Kandidatin wirklich das beste „Angebot“?

Gepostet in Allgemein

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Hofheims Erster Stadtrat Wolfgang Exner (CDU) geht Ende dieses Jahres in den Ruhestand. Am 27. September soll das Stadtparlament über seine Nachfolge entscheiden. Die Grünen haben ihren Fraktionsvorsitzenden Daniel Philipp bereits im Januar als Kandidaten nominiert. Jetzt, kurz vor Bewerbungsschluss, schickte die CDU eine Kandidatin ins Rennen: Dr. Kristin Seitz, Juristin bei einer Bank und Ortsbeirätin in Marxheim. Die Parteispitze und ihre Anhänger feiern die Entscheidung, als sei eine Heilsbringerin zu Hofheim hinabgestiegen. Hinter ganz viel Lob verstecken sich allerdings ganz große Zweifel – aus gutem Grund.

Noch letzte Woche war sie im Hofheim/Kriftel Newsletter als Aktivistin für den Erhalt des Marxheimer Brandweihers genannt worden. Jetzt will sie ganz hoch hinaus: Dr. Kristin Seitz kandidiert für das Amt der Ersten Stadträtin im Hofheimer Rathaus. 50 Jahre ist sie alt, arbeitet als Juristin bei einer Bank in Frankfurt, ist verheiratet und Mutter von drei Töchtern.

Erster Stadtrat
Will für sich und die CDU einen Top-Job im Rathaus: Dr. Kristin Seitz aus Marxheim, hier auf einem Wahlplakat aus 2021.

Christian Vogt stellte die CDU-Kandidatin letztens vor, nicht in seiner Rolle als Bürgermeister, sondern als Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes. An seiner Seite: Alexander Kurz, der Vorsitzende der CDU im Stadtparlament.

Die bei solchen Anlässen übliche Beweihräucherung der Kandidatin („wir sind sehr glücklich…“, „hochkompetent“, „umfangreiche Erfahrung“…) wurde an diesem Wochenende von der Lokalzeitung noch einmal deutlich übertroffen: Der Redakteur macht eine tiefe Verbeugung vor der Parteiführung („heute ziehe ich den Hut vor den Unionsstrategen“) und offenbarte sodann große Bewunderung für Frau Seitz („respektabel“, „qualifiziert“, „gestählt fürs Leben“, „Bodenhaftung nicht verloren“…). 

Zwei Tage zuvor hatte die Ehefrau des Redakteurs in derselben Zeitung einen langen Artikel über Frau Seitz veröffentlichen dürfen. Ihr gedrucktes Loblied, mehr als 4000 Zeichen lang, verzichtet auf jegliche journalistische Distanz. Als Überschrift wurde sogar noch ein CDU-Zitat gewählt: „Ein definitiv überzeugendes Angebot“.

So sieht es aus, wenn Lokalredakteure Politik zu machen versuchen: Als die Grünen Anfang des Jahres die Kandidatur von Daniel Philipp bekannt gaben, verzichtete die Lokalzeitung auf ein Porträt über den Mann, lange Elogen gab’s selbstverständlich auch nicht.

Wenn jetzt für die CDU-Kandidatin derart dick aufgetragen wird, besteht der Verdacht, dass etwas verdeckt werden soll. Bei aller persönlichen Integrität und Expertise im Bank-Geschäft, die Frau Seitz niemand abstreiten wird, muss die Frage erlaubt sein:

Ist diese Frau wirklich das beste „Angebot“ für einen Top-Job im Hofheimer Rathaus?

Erster Stadtrat: Ein paar Erfahrungen wären schon gut

Auf Hofheims Verwaltung rollen gewaltige Herausforderungen zu: Stadtplanung und Wohnungsnot sind die Top-Themen der Zukunft, dazu große Wohnbauprojekte und Gewerbeansiedlungen, ein hochkomplexes Baurecht, der drängende Klimaschutz, die tagtägliche Ordnungspolitik, die zunehmend wichtiger werdende Nahmobilität, der seit Jahren drückende Kita-Notstand

Wer immer Erster Stadtrat oder Erste Stadträtin wird: Fundierte Erfahrungen mit einer kommunalen Verwaltung erscheinen für ein stabiles Fundament unverzichtbar. Darauf ließe sich dann aufbauen: Mit Fachkompetenz bei zumindest einigen der wichtigsten Stadtthemen könnte aus dem Rathaus heraus die Zukunft Hofheims für alle Bürger erfolgreich mitgestaltet werden.

Wird die CDU-Kandidatin diesen Ansprüchen gerecht?

Auffällig ist zunächst, dass die vermeintliche Top-Frau bisher nur eine Nebenrolle in der Stadtpolitik spielte. Im Ortsteil Marxheim, ja, da mischte sie mit: Sie meldete sich mit Anfragen und Anträgen zu Kurzzeitparkzonen, Kinderbetreuung und Öffnungszeiten der Sportstätten zu Wort. Oder auch, wie unlängst geschrieben, zu Molchen und Fröschen im denkmalgeschützen Brandweiher.

Auf Stadtebene dagegen war sie nicht präsent. Bei der letzten Kommunalwahl tauchte ihr Name erst auf Listenplatz 44 auf. Wollte sie nicht mehr? Wollte „man“ ihr nicht mehr zugestehen? Klar ist jedenfalls: Einen Platz im Stadtparlament konnte und/oder sollte Frau Dr. Seitz mit einer solchen Platzierung auf keinen Fall kriegen

Der kommunalpolitische Horizont der Kandidatin ist daher mit „nur sehr begrenzt“ zu bezeichnen. Das wiederum muss als große Leerstelle bei der Bewerbung um eines der wichtigsten Polit-Ämter in der Kreisstadt Hofheim bewertet werden.

Erfahrungen in einer kommunalen Verwaltung könnten das Defizit wettmachen, vielleicht. Doch auch da zieht Frau Seitz blank. Gleichwohl überschreibt die CDU ihre Pressemitteilung mit dem Satz: „CDU Hofheim setzt auf Fachkompetenz“. Frau Seitz sei Juristin, heißt es da, sie verfüge damit über „rechtlichen Sachverstand“.

Wer sich nur ansatzweise in Juristerei auskennt, ordnet solche Aussagen als reine Augenwischerei ein: Das sehr spezielle Fachwissen einer Bankjuristin dürfte für wichtige Entscheidungen in der Stadtpolitik kaum hilfreich sei.

So spricht für Frau Seitz am Ende nur ein starkes Argument, dem kein Mensch widersprechen würde: Sie ist eine Frau. Das wäre eigentlich nicht erwähnenswert, wenn nicht aus dem Umfeld der (männlichen) Parteispitze wiederholt verbreitet worden wäre: Man werde diesmal eine Frau nominieren. Nur mit einer Kandidatin, so das parteipolitische Kalkül, könne die CDU den wichtigen Rathaus-Posten vielleicht doch noch bekommen.

Nicht die Sehnsucht nach mehr Gleichberechtigung trieb die CDU-Matadoren zu ihrer Entscheidung, auch nicht das Bemühen um eine bestmögliche Besetzung zum Wohle der Stadt. Die Auswahl der Kandidatin wurde allein von machtpolitischen Überlegungen gelenkt:

Bei der Wahl, die demnächst im Stadtparlament stattfindet, hat die CDU, anders als früher, das Amt des Ersten Stadtrats keineswegs mehr sicher. Wenn sich die Opposition in der Stadtverordnetenversammlung – Grüne, SPD, Bürger für Hofheim, Linke – einig wird, dann hat sie eine Stimme mehr als die „Regierungskoalition“ aus CDU/FDP/FWG

Das könnte dazu führen, dass Frau Seitz in Marxheim bleiben muss. Und Herr Philipp ins Rathaus einziehen dürfte.

Für CDU-Bürgermeister Vogt würde’s dann deutlich ungemütlicher: Die SPD hält mit Bernhard Köppler das Amt des Stadtrats besetzt. Wenn nun auch noch der Posten des Ersten Stadtrats an die Grünen ginge: Dann wär’s mit der CDU-Klüngelei an der Stadtspitze erst einmal vorbei.

Für die Menschen in Hofheim könnte das nur positiv sein: Die Hofem-Schlofem-Verwaltung käme dann endlich – vielleicht – ein bisschen mehr in Schwung

+++

Das Foto oben zeigt einen Screenshot der CDU-Facebookseite: In Jeans und mit verschränkten Armen ließ sich Dr. Kristin Seitz 2021 für eine Wahlkampfbroschüre fotografieren.

Foto: CDU Hofheim

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3 Kommentare

  1. M.Müller-Steinmacher

    Wenn eine Frau nur deshalb aufgestellt wird, weil sie eine Frau ist, fängt das Problem ja schon an… Eine Juristin wäre für Hofheim ja nicht schlecht, wie wir bei der „Watschen“ des Landrats bzww. einiger rechtlicher Schritte der Stadt ohne Erfolg (Bebauung der Vorderheide2) erlebt haben. Nun wir werden sehen, wie sich die Parlamentarier entscheiden.

    3. September 2023
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    • Sven G.

      Die Watschen war wohl für den Ordnungsamtsleiter gedacht, der die rechtswidrigen Demo-Auflagen verhängt hatte. Ich meine mal gehört oder gelesen zu haben, dass der Jurist ist. Und auch der Bürgermeister ist angeblich Jurist. Juristen müsste es im Rathaus also genug geben… Masse allein macht’s eben nicht. Etwas mehr Qualität wäre besser…
      In diesem Sinne wäre es zielführender gewesen, wenn man sich für das Amt des Ersten Stadtrats auch mal außerhalb der eigenen Partei und außerhalb Hofheims umgesehen hätte. Echte Kompetenz in diesem wichtigen Amt würde sicher nicht zum Schaden von Hofheim sein.

      3. September 2023
      |Antworten
  2. Barbara Grassel

    Die Linksfraktion wünscht sich als Stadtrat eine Person, die Kenntnisse, Erfahrungen und Engagement in den Bereichen klimaangepasste Stadtentwicklung/Stadtumbau, Revitalisierung der Außenstadtteile, Wohnungswesen und ökologische Verkehrswende mitbringt. Selbst Juristin stehe ich sicher nicht im Verdacht, etwas gegen Juristinnen zu haben, aber wir haben einen Bürgermeister, der Volljurist ist, und wir haben seit dessen Amtsantritt mehrere Juristinnen und Juristen in der Stadtverwaltung eingestellt. Unter BM Felix und BMin Stang gab es einen einzigen Juristen in der Verwaltung und ab 1993 mit Stadtrat Winckler einen Juristen im hauptamtlichen Magistrat. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Entscheidungen und Vorlagen des Magistrates damals rechtsfehlerhafter waren als die heutigen. Offenbar sieht die CDU das genauso und möchte eine Juristin als Unterstützung für den Bürgermeister. Die Aufgabe des Magistrates ist aber nicht die juristische Sachbearbeitung, sondern politische Weichenstellung.

    3. September 2023
    |Antworten

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